Streifenarchiv


Freitag, 10. März 2006

50+


Gestern hat Zebra einen kleinen TV-Streifzug unternommen, ist dabei in einen Bericht von der CeBit geraten und hat festgestellt, dass es nun zu den Senioren gehört. Das Zebra ist schon so klapprig, dass es z. B. riesige Handys braucht, um überhaupt noch telefonieren zu können.

Im Hintergrund die Botschaft im dezenten Blaugrau: »Generation 50+«. Ein ca. 30-jähriger Mitarbeiter eines Elektronikherstellers erklärt stolz, dass im Zuge der Überalterung unserer Gesellschaft unbedingt über Design nachgedacht werden müsse. Das ist im Prinzip nicht ganz falsch. Dass ich aber mit meinen 53 Jahren auch schon dazugehören soll, war mir bisher noch gar nicht bewußt. Vor allem habe ich ein Problem damit, mir das von einem blöde grinsenden 20 Jahre jüngeren Marketingfuzzy sagen zu lassen. Eigentlich hat der nicht gegrinst, sondern stellvertretend für die ganze Branche gesabbert — hat die doch nach dem ganzen Jugendwahnsinn der letzten Jahrzehnte die sogenannten »Senioren« als zahlungskräftige und — noch besser — mengenmäßig unschlagbar profitträchtige Consumergruppe entdeckt.

Zugegeben, die ersten Zipperlein stellen sich ein. Aber noch, Herrschaften, noch stehe ich voll im Saft, mache meinem Job und sehr viel mehr dazu und werde mir von Eurem dämlichen 50+ Gesülze nicht einreden lassen, dass ich nun zum mehr oder weniger bewegungsunfähigen und hilflosen Menschen gealtert bin. Auch soll ich ja mittlerweile zu denen gehören, die z. B. mit der Technik nicht mehr Schritt halten können. Ja, seid Ihr denn von allen guten Geistern verlassen? Was habt Ihr denn für ein Bild von meiner Generation? Das ist schlicht eine Frechheit! Auf der einen Seite wird unsere Lebensarbeitszeit deutlich erhöht und Ihr wollt uns gleichzeitig einreden, dass wir allen technischen und sonstigen Entwicklungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen sind?

Ein anderes Beispiel dazu: Für einen Kunden gestaltete ich eine Anzeige für eine Publikation aus dem Bereich Hausbau, Bad-, Küchengestaltung, Naturstein. Nach Kontaktaufnahme mit der Agentur erhielt ich folgende Erläuterung, ebenfalls von einem ca. 30-Jährigen:

»Wir haben bewusst das Layout sehr luftig und die Schrift sehr üppig dimensioniert, um eine optimale Lesbarkeit für die 50plus-Generation als zentrale Zielgruppe sicher zu stellen, jedoch auch Hausbesitzer der jüngeren Generation mit einem modernen Design zu erreichen.«

Der also auch. Jawoll, das ist Marketing! Alle Menschen über 50 haben dermaßen schlechte Augen und zittrige Hände, dass sie nur noch Überschriften in 72 Pt lesen können; sie haben eine schlechte Auffassungsgabe, bzw. Kurzzeitgedächtnis — deshalb so wenig wie möglich Information bitte (»luftige Gestaltung«) — und sie schrammen knapp vorbei am Gelsenkirchener Barock. Eine Gnade, die es immerhin ermöglicht, dass auch die Jüngeren die Gestaltung noch akzetieren. Uhhh, wie soll ich als über 50-jährige diese Anzeige bloß hinbekommen?! Mein Mut verläßt mich, meine Lebenslichter erlöschen langsam, die Situation ist tragisch, wenn nicht sogar dramatisch!

Zur gleichen Zeit findet (zum x-ten Mal) die Diskussion statt, wie Menschen über 50 wieder mehr Arbeitspätze bekommen sollen. Und dass das toll wäre, weil sie über sehr viel Erfahrung verfügen, seltener krank werden, hart im Nehmen sind und überhaupt ...

Zur selben Zeit gibt es auch jede Menge Talks im TV zum Thema »Altersarmut«.

Und dann kommen die von der CeBit mit »Katharina, das Große«. Ein überdimensioniertes Handy, das nach der stolzen Aussage des Marketingfuzzys kein Schnickschnack hat, sondern nur telefonieren kann (weil Alte über 50 ja auch mit allem anderen überfordert sind). Und deshalb sei dieses Handy auch nicht ganz billig und würde 280 € kosten. Dass ich mir als alter Mensch bei diesem überdimensionierten Knochen einen Bruch hebe, haben sie bei ihrem »altergemäßen« Design natürlich übersehen. Und bei zunehmender Altersarmut — wer soll sich so ein Monstrum denn noch leisten können?

Wie zynisch und perfide ist das alles?! Deshalb vergibt das Zebra, der arme alte Klepper, hier einen gelben Streifen, weil ihm die Galle überläuft.
Streifen: gelb