Streifenarchiv


Sonntag, 18. Juni 2006

Spielverderber


Hat man eigentlich auch schon mal Zebras vor der Apotheke kotzen sehen? Bald wird's soweit sein, denn das Wort »FIFA« löst bei Zebra mittlerweile ununterbrochenen Brechreiz aus ...

Ich wollte mich ja eigentlich zurückhalten mit dem Thema Fußball-WM. Ich gestehe, dass sie mir mittlerweile Spaß macht — wenn — ja, wenn diese Mischung aus organisierten Gangstern, hirnlosen Bürokraten und vor allem Spielverderber namens »FIFA« nicht wäre ...

Es ging ja schon damit los, dass in den Stadien noch nicht mal das heimische Bier verkauft werden darf, oder bei den Frankfurtern der geliebte Äppelwoi, stattdessen gibts US-Plörre. Übrigens ist das für die meisten Stadien ein riesiges logistisches Problem, verfügen sie doch über jede Menge Zapfanlagen. Weil aber diese US-Plörre nur in Flaschen verkauft wird, mussten sie nun massenhaft Riesenkühlschränke kaufen. Die Kosten tragen die Vereine.
Man versprach sich zusätzliche Jobs zum Ausschenken der Getränke in den Stadien. Fehlanzeige: Die FIFA hat Verträge mit der US-Service-Firma Aramark, die das Catering in allen WM-Stadien übernimmt.

Unsere schöne Westfalenhalle hat ja dieses »U«. Die FIFA wollte es tatsächlich abmontieren lassen wegen »lt. FIFA Regeln unzulässiger Werbung«. Die Dortmunder sind auf die Barrikaden gegangen: »Das ist keine Werbung, das ist ein Baudenkmal!« Erfolgreich. Na also, geht doch! Gegen dieses ganze Markendiktat haben sich Spaßvögel in Köln etwas richtig Lustiges einfallen lassen.


Ich will mich gar nicht bei dem großen Regulierungswahn »made in Absurdistan« aufhalten. Die kennt ja jeder. So z. B. die Rasengeschichte: 25 % Lolium perenne (Deutsches Weidelgras) und 75 % Poa pratensis (Wiesenrispe) wurde in allen Stadien der Fußball-WM 2006 gemäß den Vorgaben durch das »FIFA-Rasen-Kompetenzteam« verlegt. Kosten pro Stadion: 150.000 Euro. Viele Stadien hatten vorher gerade für viel Geld neuen Rasen verlegt, den sie dann wieder rausschmeissen durften. Die stadieneigenen Greenkeeper dürfen nur ausgesucht und in geringerer Zahl auf den Rasen, fünf Stunden vorher schon gar nicht mehr, dafür lässt die FIFA dann drei Stunden das Einlaufen der Ballkinder üben.

Der Wahnsinn zeigt sich besonders in den kleinen Übergriffen und bürokratischen Darbietungen, wogegen unsere Ämter ein müder Haufen Amateure sind. Der Dortmunder Stadionmanager z. B. bekam einen Fragebogen zugesandt, in dem gefragt wurde, ob die Räume für die medizinische Versorgung im Stadion über Waschbecken verfügen. Ach so, VIPs müssen natürlich eigene Räume haben. Kippt also unser' Angela (»Ich bin Ballack«) um, wird sie in spezielle Räume geschleppt. Außerdem gibt es gleich drei Ärzte, die sich um das Wohl der Kanzlerin kümmern. »Dass Sportler von Spezialisten behandelt werden, ist logisch. Aber VIPs? Die sind doch eigentlich Menschen wie alle anderen, oder?« meint der offizielle Dortmunder WM-Arzt Dr. Jakob.

Noch mehr VIPs: Beim BVB musste ein VIP-Zelt aufgebaut werden, natürlich mit Klimaanlage und Unterhaltungselektronik. Dieses dämliche Zelt verschlingt pro Tag 4,5 Megawattstunden Strom. Bei einem Bundesligaspiel werden im gesamten Stadion dagegen gerade mal drei Megawattstunden verbraucht. Ratet mal, wer zahlt.

Die Oberpfeife Sepp Blatter wollte z. B. für seine Wagenkolonne auf dem Weg von Flughafen Holzwickede bis zum Westfalenstadion die B 1 sperren lassen. Zur Rushour-Zeit, versteht sich. Da hat ihm die Dortmunder Polizei aber einen gehustet. Jawoll!

Ich sag ja auch immer noch »Westfalenstadion«. Hat neulich Jens Lehmann auch in einem Interview gesagt. Dafür hat er bestimmt eine schwere Verwarnung bekommen. Signal Iduna Park sagen wir Dortmunder nicht, schon gar nicht FIFA-WM Stadion. Auch nicht »FIFA Weltmeisterschaft«. Und Fußball schreiben wir immer noch mit »sz«. Auch da gibt es tatsächlich eine FIFA Richtlinie: »Fussball« ist die vorgeschriebene Schreibweise. Also nicht nur Gangster und Bürokraten, auch noch Kandidaten für die PISA Studie. So viel Blödheit hat aber auch Vorteile, denn »Fußball Weltmeisterschaft 2006« mit »sz« ist keine geschützte Marke und wir könnten damit ungestraft werben bis die Schwarte kracht. OK, nicht wirklich, weil die FIFA uns ja die Schreibweise meint vorschreiben zu können, indem sie sich einfach anmaßt, einen Feld- Wald- und Wiesenbegriff mit einem ™ (Trademark) zu versehen. Das alles ist so absurd, dass sogar »offizielle Sponsoren« einen Hinweis auf ihre Internet-Seiten schreiben.

Hamburg hat übrigens die Arschkarte gezogen: Der HSV hat in der AOL Arena die Toiletten mit schicken AOL Kacheln versehen – das geht natürlich nicht. Überkleben gildet auch nicht. Die FIFA wollte den kompletten Ausstausch. Alles wurde rausgerissen. Wer zahlt? Na, wahrscheinlich spendiert das AOL, aber den Dreck hat der Verein. Ich weiß, wovon ich rede! Das HSV Museum bleibt übrigens während der WM zu. Da sind auf den historischen Bildern Spieler mit Trikotwerbung zu sehen – oh jemineeee!

In Nürnberg wollte die FIFA Kleingärtner nicht mehr in ihre Anlage lassen, weil die zu dicht am Stadion liegt. Naja, dafür hat der BVB hier das schöne alte Licht- und Luftbad am Westfalenstadion zeitig genug platt gemacht. Stecken alle unter einer Decke ...

Fan- und Mannschaftsbusse müssen sich verkleiden. FIFA Exklusivvertrag mit Hyundai. Nur, diese Busse gibts in Westeuropa gar nicht. Deshalb müssen jetzt sämtliche Busse, egal welcher Marke, mit Logos und Aufklebern der Koreaner durch die Gegend gurken. Übrigens wollte die FIFA Diktatur den großen Mercedesstern nahe des »U« unserer Westfalenhalle ebenfalls ursprünglich abmontieren lassen. Das hat schon was paranoides. Und außerdem fällt mir gerade auf, dass der Begriff »Bandenwerbung« auch eine völlig neue Bedeutung bekommt.

Gerade hat Kroatien gegen Japan gespielt. Auch da hat sich die doofe FIFA wieder eingemischt. Man fragt sich, warum die FIFA überhaupt Trikots im Vorfeld abnimmt, wenn sie kurz vor einem Spiel plötzlich meint, das kroatische Trikot hätte 30 % zu viel Weiß?! Und überhaupt, was soll das: 30 % zu viel Weiß? Für wen, für was? Da haben die armen Kroaten dann noch schnell 2 Steifen ihrer rot-weißen Karos hinten drangenäht. Der Witz ist nur: die stecken dann in der Hose und keiner sieht sie. Immer noch 30 % zu viel Weiß. Wennn sie ihre Trikots über der Hose tragen, würd's stimmen, aber dann bekommen sie von der FIFA 'ne Verwarnung ...

Was soll der Blödsinn, 1000 holländischen Fans beim Eintritt ins Stadion die Hosen zu beschlagnahmen, nur weil eine andere Biermarke draufsteht? Dass sowohl niederländische als auch schwedische Fußballtouristen mit oranje bzw. gelben Wehrmachtshelmen hier aufgelaufen sind, dass Horden englischer »Fans« unüberhörbar obszöne und fraglos auch faschistisch-rassistische Hass- und Kampfgesänge gegröhlt haben — ein Albtraum — diese ganzen Hirnlosen scheinen die Offiziellen nicht weiter zu stören. 20 m weiter wird gleichzeitig ein sympathischer Trinidader, der unterwegs war, um ein paar Freundschaftsbändchen zu verticken, von einem Aufgebot von Beamten des Ordnungsamtes und einem gaaanz kleinen Licht von der FIFA, der sich aber wichtig tut wie die Oberpfeife, festgehalten und seiner bescheidenen Ware beraubt.

Wie gesagt, Zebra muss bald kotzen. Und deshalb vergibt es für die FIFA und deren Schergen die Rote Karte — äh, den Roten Streifen. Und das gerne in dreifacher Ausfertigung nebst Durchschlag für die Akten.

Ach, übrigens: Die meisten Kosten der WM werden wir als Steuerzahler übenehmen und nicht, wie man denken könnte, die FIFA. Die verdient sich nur dumm & dämlich daran, nämlich mehr als 2 Milliarden Euro und ist mit Billigung der deutschen Regierung in Deutschland von der Steuer befreit. Und der Obergangster kriegt im September auch noch das Bundesverdienstkreuz höchster Klasse. Und eine »Ethikkommision« gründet die FIFA auch ...

Jetzt isses soweit, Zebra muss über'n Eimer!

Streifen: rot