Streifenarchiv


Mittwoch, 09. November 2005

laut und kalt, leise und heiß ...

Was sich anhört wie eine Lektion aus der Sesamstraße, ist in Wirklichkeit das Eigenleben unserer Heizung. Der Vermieter hat uns letztes Jahr eine supertolle moderne Anlage spendiert. Die Zierde des Basements ist ein Wunderwerk der Technik und verspricht mit seinem computergesteuerten Innenleben wohlige Wärme zum verbraucherfreundlichen Preis.

Rechtzeitig zu Halloween entpuppte sich diese Hightech-Anlage allerdings als Monstrum mit ausgeprägtem Sinn für Folterpraktiken, geschaffen von »Frankenstein & Söhne, Heizung-Sanitär«.

Alles begann mit einer maroden Wasserpumpe, die im Zuge der Anlagenmodernisierung natürlich nicht ausgetauscht wurde. Diese Wasserpumpe war so gegen Ende des letzten Winters akustisch einwandfrei präsent, geriet im Sommer aber in Vergessenheit. Mit Beginn der neuen Heizsaison verschlechterte sich der Gesundheitszustand der alten Pumpe merklich. War zuerst noch das alte bekannte und nicht uncharmante Klingeln zu vernehmen, steigerte sich das Geräusch in ein todeskampfähnliches Scheppern. Es war nicht wirklich zu ertragen und endlich, nach zweiwöchiger Wartezeit, rückte »Frankenstein & Söhne, Heizung-Sanitär« an, um das alte Stück endgültig in den Wasserpumpenhimmel zu befördern.

Ruhe! Das Leben ist schön.

Einige Tage später gab es neue Laute aus dem Keller. Diesmal war es ein Pfeifen, nicht ganz unähnlich dem meines Wasserkessels. Zunächst konnte ich damit leben. Nach einiger Zeit aber bemerkte ich, dass ich weder gerne nach Hause kam, noch mich gerne dort aufhielt, einen dicken Kopf hatte und morgens gerädert aufwachte. Es war wie ein intensiver gemeiner Tinitus — es gab also kein Entrinnen vor diesem Geräusch, das mir bis in die Haarspitzen ging.

Nach einer verzweifelten schlaflosen Nacht bei ziemlicher Hitze rief ich an einem Freitag meinen Vermieter an. »Aber die Wasserpumpe ist doch ausgetauscht worden ...?« »Ja schon, ist aber immer noch laut. Aber anders — so ähnlich wie ein Wasserkessel oder wie so 'ne Art Drucktopf. Und das Geräusch geht immer dann weg, wenn ich die Heizkörper aufdrehe. Das blöde ist nur, es ist ja noch viel zu warm dazu draußen. Ach ja noch was: zwei Heizkörper habe ich wieder zugedreht und die heizen sich trotzdem einen Wolf.« »Na gut, dann rufe ich mal die Handwerker, obwohl ich mir das alles nicht vorstellen kann.« »Das ist mir egal. Aber bitte sofort — das ist ein Notruf!« setze ich noch drauf, denn die Kombination Handwerker/Freitag ist heikel und ich war mittlerweile so entnervt, dass ich das Getöse oder die Hitze keinen Tag länger mehr aushalten wollte.

Erstaunlicherweise rücken »Frankenstein & Söhne, Heizung-Sanitär« eine knappe Stunde später an. Der Chef persönlich, zwei Handwerker, mein Vermieter und ich stehen mucksmäuschenstill in meiner Wohnung, um diesem Pfeifen habhaft zu werden. Während mir natürlich die Ohren dröhnen, steht der Rest mit angehaltenem Atem und zuckenden Schultern herum: »Ich hör' nix ...« ist die lapidare Antwort aus aller Munde. Auch mit meinen Beschreibungen eines Wasserkessels kann ich die Herren nicht sensibilisieren. Ebenso lassen die abgedrehten Heizkörper, die heizen, als wenn sie die Hölle versorgen müssten, die Herrschaften kalt. Ich finde es immer wieder bemerkenswert, wie diese Experten es schaffen, einen für so komplett blöde zu halten, dass man seiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr traut. Dann rettet mich Viktor! Der Azubi sagt plötzlich: »Doch, da ist ein Geräusch!« »Jau, jetzt hör' ich's auch« meint der Chef (hört hört) »das ist aber nicht die Heizung! Niemals!« Viktor, mein Retter, ist mutig und widerspricht seinem Chef. Man bequemt sich in den Keller, um die Heizung zu inspizieren. Irgendwann stürmt der Chef wieder nach oben, baute sich vor mir auf und brüllte mich an: »Heizen! Sie müssen heizen!« »Warum muss ich heizen? Er brüllte weiter: «Weil der Kessel schon über 90 Grad hat. Der wird mit der warmen Außentemperatur nicht fertig, machen 'se mal alle Heizungen auf!« »Das tue ich nicht. Erstens ist es hier warm genug und außerdem, wer soll das zahlen?« Mein Vermieter schaltet sich ein — so ganz versöhnlich, wie es seine Art ist: »Och nun tun 'ses doch. Wenigstens auf Drei.« Der Chef brüllt wieder: «Drei??? Nein auf Fünf. Immer auf Fünf!!!« Nach so viel Schwachsinn habe ich dann nun doch mein Selbstbewusstsein zurück: »Weder auf Drei noch auf Fünf. Wenn's nix zu heizen gibt, heize ich nicht. Sehn 'se zu, wie Sie das hinkriegen! Wenn mein Auto kocht, könnte es ja auch der Thermostat sein« Die Abordnung rauscht kopfschüttelnd ab mit den Worten »Der kann man das nicht klar machen, die versteht das nicht ...« Ja nee, is' schon klar ...

Offensichtlich hat irgendwann dann doch der gesunde Menschenverstand bei den Experten wieder eingesetzt, denn eine halbe Stunde später stand der technische Service des Heizungsherstellers vor der Tür. Keine zwei Minuten später hatte der den Fehler gefunden: Der Außenthermostat war defekt. 15 Minuten später hielt himmlische Ruhe Einkehr in die Wohnung, nun auch eine angenehme Temperatur und das immer wieder schöne Gefühl eines inneren Gartenfestes. Deshalb verleiht Zebra einen warmen roten Streifen und ein für Viktor. Danke, »Frankenstein & Söhne, Heizung-Sanitär«!

Streifen: rot