Streifenarchiv


Mittwoch, 18. Januar 2006

Grober Unfug

Hoffe, dass alle gut ins Neue Jahr gekommen sind!

Nun ist ja länger an dieser Stelle nichts passiert, aber heute habe ich wieder eine Geschichte, die dem Zebra fast die Fußnägel (sorry — die Hufe) aufgerollt hat:
Jüngst hatte ich wieder einen Schulungsauftrag. Thema: Mac OS X. Naja, eigentlich hätte es auch heißen können: »Gebrauchsgrafik im Wandel der Zeiten« oder vielleicht »Aus der Steinzeit in die Moderne«.

Auftraggeber: Ein großes Unternehmen mit Werbeabteilung, die bis jetzt ihre Kataloge mittels Klebelayout angefertigt und die nun ihre beiden Mitarbeiterinnen mit Macs und entsprechender Software ausgestattet haben. Alles begann nun mit einer Einführung in das Macintosh Betriebssystem. Ansonsten — würde ich mal sagen — ist es ein weites Feld, was die Kolleginnen da noch zu beackern haben, ehe sie auf diesem Wege ihre ersten Kataloge erstellen können.

Zum Termin brauste ich dann in die Norddeutsche Tiefebene und freute mich darauf, die Spätentschlossenen kennenzulernen, bzw. den Teilnehmerinnen an der Schulung die Bedenken, vielleicht auch Ängste vor dem neuen Werkzeug zu nehmen.
Alles funktionierte bestens. Der Kontakt war herzlich, die Kolleginnen wissbegierig und der Mac verbreitete Freude. Nun, dachte ich, wäre es einmal an der Zeit, zu fragen, wie es weitergehen soll, denn nachdem man quasi mit dem Mac Brüderschaft getrunken hatte, ist man ja noch nicht in der Lage, 128-seitige Kataloge damit herzustellen.
Man erzählte mir, dass die Geschäftsleitung eine weiterführende Schulung bereits gebucht hätte. Damit wäre ein namhaftes und sehr qualifiziertes Schulungsunternehmen der Region beauftragt. Man erzählte mir weiter (und etwas kummervoll), dass diese Schulung bis Mitte des Jahres dauert und immer nach Feierabend und an Samstagen zu besuchen sei. Und man erzählte, dass dieses ohne Einbeziehung der Vorstellungen und Wünsche der Mitarbeiter über die Bühne ging und dass z. B. auch einfach Urlaube quasi dafür gestrichen sind. Und man hätte gefälligst dankbar zu sein. Toll! Ach ja, und dann war noch die Rede von einer Dame, die offensichtlich mehr gehasst als respektiert wird, die Werbeleiterin sei und im Tochterunternehmen einige Kilometer weiter ihren Bürostuhl wärmt und eher den Charme einer Maggie Thatcher hätte. Insgesamt waren die Damen doch sehr konstaniert und, wie ich finde, zu Recht.

Meine Damen zeigten mir dann den Ausbildungsplan des namhaften und sehr qualifizierten Schulungsunternehmens und baten mich um meine Meinung. Hatte ich das jetzt wirklich gelesen? Steht das da wirklich schwarz auf weiß? Meine Meinungsabsonderung mündete in eine lapidare Frage: »Wer hat das verbrochen?«

Also: drei Blöcke. Beginnend mit Basiswissen und Einführung in den Mac. Haben wir doch gerade gemacht?! Dann ein bisschen Illustrator, FreeHand und Photoshop. FreeHand schon mal überflüssig, da mittlerweile verschwunden von der Bühne.

Block zwei: Internet. Wie bediene ich einen Browser, wat is ne Suchmaschine, wie buchstabiert man TCP/IP. Dann Fireworks, Image Ready, diverse Editoren, HTML, PHP, MySQL und Flash. DAS IST GROBER UNFUG meine Damen und Herren vom namhaften und sehr qualifizierten Institut! Die Damen sollen Kataloge produzieren!

Block drei: Projektmanagement, Konzeption, Typografie, Gestaltungs- und Farbenlehre. Am Ende ein bisschen Quark und ein ganz bisserl PDF. Ja was ist das denn?! Die Damen arbeiten seit 'zig Jahren in ihrem Job und verstehen sowohl etwas von Farben als auch von Gestaltung. Und ohne ihre Projekte zu managen, hätten sie nie pünktlich Kataloge in 6 Sprachen erstellen können, pardon, kleben können. Dafür ziehe ich wirklich den Hut! Und das, was sie wirklich benötigen, wird dann am Ende so ein klein bisschen angerissen. Das erinnert mich an meine Schulzeit: Jahre lang die Griechen, Römer und 30-jähriger Krieg und das, was wirklich wichtig wäre — puff, Schulzeit vorbei.

Einen Tag später rief die dubiose Werbeleiterin an und wollte für sich selbst auch noch eine Schulung buchen zum gleichen Thema mit anschließendem Report, was sich denn Neues in den Anwendungsprogrammen getan hat. Wir machten einen Termin und die Lady fragte so beiläufig, wie denn die Schulung mit den beiden Damen des Mutterunternehmens gelaufen sei. Ich gab kurz Bericht und erzählte, dass ich in der letzten noch verbleibenden Stunde auf Wunsch einen ganz kleinen Exkurs des zu erlernenden Workflows gemacht hätte, damit die Mitarbeiter überhaupt eine Ahnung davon bekommen, wie das alles funktioniert. Die Dame mit dem Charme einer Maggie Thatcher rastete daraufhin völlig aus und quäkte ins Telefon, wie ich denn dazu kommen würde, dies sei nicht der Auftrag gewesen, dies würde in anderen Händen liegen. An anderer Stelle drückte sie mir noch rein, dass sie ja auch mal Schulungen gegeben hätte und dass man da ja lange nicht alles von den Programmen weiß. SIE vielleicht nicht, meine Dame – ich habe diesen Anspruch schon! Aber bloß nicht auf so einen Quatsch einlassen und lieber auf einen Tagessatz verzichten: »Am besten, Sie suchen sich einen anderen Trainer« — ich war begeistert von meiner Coolness und es tat ziemlich gut, der Dame zuvorgekommen zu sein, die das Telefonat nur noch mit einem »das überlege ich auch gerade« abrupt beendete.

Weiß der Teufel, was Maggie so aus der Fassung gebracht hat. Ahaaa, vielleicht, weil sie selbst mal geschult hat? Und vielleicht bei dem selben namhaften und sehr qualifizierten Ausbildungsinstitut?! Und deshalb die Mitarbeiterschulung "billiger" bekommen hat?! Das schafft Anerkennung bei sonst anscheinend ziemlich uninformierten Entscheidungsträgern; und ihr Stuhl bleibt lange warm und mollig. Auch hat ja Geld bekanntlich die Eigenschaft, ab und an zu fließen ...

Dem namhaften und sehr qualifizierten Schulungsunternehmen ist da auch ein Husarenstückchen geglückt. Respekt! Eine 10.000 € teuere Schulung als preiswert zu verkaufen — mit billigen Standardinhalten, die sie wahrscheinlich auch noch als »maßgeschneidert« angepriesen haben. Bestimmt gibts da im Kleingedruckten einen Passus, wo soetwas wie eine Exklusivität auf die weiterführenden Schulungen in den nächsten drei Jahren formuliert ist. Auch wenn das alles Spekulationen bleiben, fest steht, dass meine beiden Kolleginnen das schmerzlich ausbaden müssen und sie dann am Ende garantiert die Schuldigen sind, wenn die Katalogproduktion in die Hose gegangen ist und dann dürfen sie auch noch mit schlechtem Gewissen in die Nachschulung gehen. Deshalb sieht Zebra bei dieser Geschichte ROT!

Streifen: rot