Streifenarchiv


Montag, 12. April 2004

Angler-Latein

Vor einem guten Jahr erhielt ich eine Anfrage bezgl. der Gestaltung einer Webseite. Telefonisch deutete der potentielle Kunde in etwa den Inhalt der gewünschten Homepage an: »Es geht um Politik und Natur und wir möchten etwas professionelles, etwas wirklich gutes haben.« Prima, dachte ich, Natur und so, da bin ich ja ganz in meinem Element und ein gutes Geld wird demnach auch dabei rausspringen, was in diesen Zeiten ja nun auch mal wieder dringend fällig wäre.

Ich besuchte also meinen potenziellen Kunden. In angenehmer Atmosphäre bei Kaffee und Kuchen in der warmen Frühlingssonne begann er mir zu erklären, worum sich das ganze handelt: »Also, sicher haben Sie schon einmal etwas von Kormoranen gehört«

Ja, habe ich ...

»Nun war der Kormoran ja lange ein geschütztes Tier, hat sich aber mittlerweile so vermehrt, dass er zur Landplage geworden ist, wo er ja noch nicht mal ein heimischer Vogel ist, weil er ja ausgestorben war ...«

Ich rutsche auf meinem Stuhl herum und versuche irgendwie, unauffällig zu wirken ...

»Uns Anglern kostet der Besatz von Fischen oder auch nur die Genehmigung zum Angeln viel Geld. Am Ende haben wir nichts davon, weil uns diese Viecher alles wegfressen, und deshalb muß dieser Vogel weg.«

Ich klammere mich innerlich an der Sessellehne fest. Das Blut verläßt langsam den Kopf. Nun, ich hörte mir noch eine gute Stunde wohlwollend (ehrlich ...!) die Nöte der Angler und Fischwirte an. Man spürte offensichtlich meine Bedenken und erwähnte, dass man sich von höchst qualifizierten Experten auf diesem Gebiet Informationen beschafft hätte und dass selbst Umweltschutzorganisationen auf dieses Problem aufmerksam geworden wären.

Ich versorgte meinen Blutzuckerspiegel mit etwas Kuchen und Limo und machte Vorschläge zum Grundgerüst der zukünftigen Website, sinnierte darüber, wie das Ganze rüberkommen könnte – auf keinen Fall dürfe es diesen »killt-die-Kormorane-Tenor« haben, gab Ratschläge zur Beschaffung von Webspace und sprach über die Kosten.

Man verabschiedete sich in gelöster Stimmung. Auf dem Weg nach Hause saß ich quasi neben mir. Ich sah mich kopfschüttelnder Weise durch die Gegend tuckern und ich hörte mich immer wieder sagen: »Bleib fair und informier dich!«

Was ich dann am bevorstehenden Wochenende auch tat. Pro und kontra — fair bleiben. Wieder mal war ich erstaunt, wieviel über ein einziges Thema im Internet zu finden ist. Und wie interessant es wird, je mehr man sich aus dieser bunten Vielfalt an Stimmen herausfischt. Nach Stunden des Stöberns und Schmökerns standen mir die Haare zu Berge und der Entschluss war klar: Keine Beihilfe zum Kormoranmord! Für die Kohle, die ich zwar dringend nötig hätte, mache ich mir nicht die Finger dreckig.

Oft habe ich darüber nachgedacht, wann ich in meinem Beruf die Grenze ziehen muß zwischen eigenen wirtschaftlichen Interessen und den Belangen, für die ich arbeiten soll. Ich habe meine Grenze entdeckt und ich bin froh, dass ich sie bereits im Vorfeld bemerkt habe. Und ich hoffe, dass mir dieses Gespür niemals verloren gehen wird.

Streifen: schwarz