Streifenarchiv


Dienstag, 27. Juni 2006

Nachruf


Ab dem 10. Juli fallen wir alle in ein tiefes Loch — Sommerloch und Katerstimmung. In Zeiten des kollektiven Rausches passiert viel. Die Regierung beschließt, was das Zeug hält, Großkonzerne planen wieder Massenentlassungen. In einer Nacht- und Nebelaktion wird die »Aussetzung der Allgemeinverfügung Braunbär (Ursus arctos)« in dubioser Art und Weise angewendet ...

Brunos Leben war kurz, zwei Jahre. Kurz nachdem auf mysteriöse Weise die Abschussgenehmigung in Kraft trat, ist Bruno nun im Bärenhimmel. »Er wurde verbracht und einer wissenschaftlichen Auswertung zugeführt«, heißt es lapidar auf der Homepage des Bayerischen Umweltministeriums.

Zebra hat keine Lust, jetzt seitenweise über den Bärentod zu lamentieren, wenngleich doch einige Gedanken hochkommen, die dem Zebra zu schaffen machen.

Der Dschungel lebt. Bruno war der lebende Teddybär in einer Welt der Handys und Flat-TVs. Bruno war live. Wir betreten den Mond, aber ein Bär narrt Stoibers Jäger — er bleibt frei bis zum Tod. Das ist tröstlich, aber auch ernüchternd. Bruno B. war kein Monster. Ebenso nicht, wie Kuno der Killerwels, den 2002 ein ähnliches Schicksal ereilte. Sie waren wilde Tiere, die wie alle wilden Tiere uns fremd geworden sind und keinen Platz mehr in der Menschenwelt haben.

Für Bruno war kein Platz, weil unsere Köpfe die Natur inzwischen auf Disney-Format geschrumpft hat: Sie hat lieblich, nett, gezähmt und allenfalls geordnet wild zu sein. Aber bitte nicht unberechenbar. Lieber akzeptieren wir, dass uns Atomkraftwerke um die Ohren fliegen können, dass Stress und Umweltgifte uns vorzeitig ins Grab schicken oder wahnsinnige Diktatoren keine Skrupel hätten, unseren Planeten in die Luft zu jagen. Bruno hat sich entpuppt als ein Wesen, das nichts zu tun hat mit der Bärenmarke zum Kaffee oder mit dem Liebling unserer Kindheit, dem Teddybären. Das bedeutete sein Todesurteil.

Natürlich lieben wir große Tiere. In Afrika oder Alaska. Auf teuer bezahlten Safaris (Zebra weiß ein Lied davon zu singen). Oder wir gucken sie uns im Fernsehen an. Wir kaufen einen Haufen DVDs darüber. »Die letzten Paradiese«, »Expeditionen ins Tierreich« und so. Hallo ihr Deppen, wacht auf! Ihr protestiert leidenschaftlich aus der Ferne, wenn Elefanten zum Abschuss freigegeben werden, wenn die letzten Großkatzen dezimiert oder Wale abgeschlachtet werden. Und ihr kriegt noch nicht mal das Zusammenleben mit einem einzigen Bären in den Griff?

Nun wird Bruno ausgestopft und im Museum »Mensch und Natur« ausgestellt, wo schon der letzte Bär steht, der vor 170 Jahren erlegt wurde. Das ist der Gipfel der Perversion! Bruno war zu seinen Lebzeiten zu Gast bei Feinden. Jetzt, wo man ihn gefahrlos anglotzen kann, werden wir wieder zu Tierfreunden. Die traurige Botschaft des Todesschusses ist klar: Wilde Natur hat in Bayern nichts verloren.

Für dieses schwarze Land vergibt Zebra nicht den schwarzen Streifen — das wäre zu viel der Ehre. Der schwarze Streifen ist aufrichtig gemeint für Bruno, dem tragischen Helden. Und als Mahnung für seine Nachfolger: Bären, wenn euch euer Leben lieb ist, solltet ihr besser draußen bleiben aus Stoiberland.

Streifen: schwarz