Streifenarchiv


Mittwoch, 24. November 2004

"Professional"

Seit vielen Jahren habe ich einen kleinen Lehrauftrag an der Fachhochschule, FB Design. Abwechselnd geht es um Bildbearbeitung oder Erstellung von Internetseiten. Mein Auftrag: Handhabung von Programmen. Ja das muß man so sagen, denn ich habe zwar selbst ein Studium der Gestaltung absolviert, darf aber Gestaltung weder lehren noch in Prüfungen beurteilen. Das steht ausschließlich den Damen und Herren Professoren zu. Wie soll das gehen, fragt sich vielleicht der eine oder andere aufmerksame Leser? Es geht nicht und ich tue es auch nicht, was eigentlich bedeutet, das ich permanent gegen meinen Vertrag verstoße.

In diesem Semester steht mal wieder »Erstellung von Webseiten mit Adobe Golive« auf dem Programm. Die Protagonisten: 15 geduldige Macs, mehr als 30 wirklich motivierte Studenten, die aufgeheizte Luft im abgedunkelten Kellerraum und eine Dozentin, die mal wieder weiß, was auf sie zukommt. Dennoch sind alle tapfer: die Studenten, die Macs und auch die Dozentin.

Also: "Erstellung von Webseiten mit Adobe Golive" ist angesagt. Die Grundlagen in HTML und Golive sitzen. Die Studenten erstellen ihren ersten Screen. Ich ahne mal wieder, dass keiner so richtig weiß, was das eigentlich bedeutet. Der Umgang mit dem Programm klappt schon ganz gut. Alles andere ist mager und erzählt davon, dass es so gut wie keine Auseinandersetzung mit dem Medium Internet gegeben hat. Benutzerführung findet nicht statt, und wenn, dann an Stellen, wo der Benutzer sie garantiert niemals finden wird.

Ich höre Argumente wie: »Das macht meine Gestaltung kaputt«. Meine Bemerkung, dass bei der Gestaltung von Webseiten eine benutzerfreundliche und sinnige Navigation dazugehört, stößt auf fragende, wenn nicht gar verständnislose Gesichter. Merken Sie was? Schon bin ich wieder mittendrin gegen meinen Vertrag zu verstoßen. Meine Lieben lassen sich aber gerne mal wieder auf meine verbotenen Ausflüge ein, bei denen sie ja in Wirklichkeit viel über die Ignoranz und Versäumnisse ihrer Professoren erfahren, ohne dass ich dies erwähnen muss. Ich habe immer gedacht, dass das Professoren-Dasein bedeutet, nicht nur für Lehre, sondern auch für Forschung zuständig zu sein, bzw., dass sie zur selbigen verpflichtet sind.

Rückblende:

Vor vier Jahren, also bereits mitten in der Blütezeit des Internets, erhielt ich überraschend den Auftrag, einigen Damen und Herren Professoren dieses Medium näher zu bringen. Allein die Idee! Ich war ob des Ansinnens völlig von den Socken, das können Sie mir glauben.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich schon gute sechs Jahre mit dem Internet auseinandergesetzt und fand nicht nur aufregend, fast von Anfang an dabei zu sein, sondern vor allem an der Mitgestaltung eines ganz neuen Mediums teilnehmen zu können. Wenn man sich an die Anfänge erinnert, wie bescheiden am Anfang Websites aussahen, dass niemand Erfahrung mit Navigation, Interaktivität, oder nonlinearer Benutzerführung hatte, dass kaum jemand über Farben und lesbare Schriften auf dem Monitor nachdachte, wie alles blinkte, dass einem fast schwindelig wurde, so war es ein riesiges, spannendes Abenteuer, sich mit Gestaltung, Benutzbarkeit, Ergonomie und Dynamik dieser neuen Form der Informationsübertragung auseinanderzusetzen und sich zugleich Gedanken über das gewaltige Potenzial zu machen, was in ihr steckt.

Nach absolvierter »Schulung« — so war diese Veranstaltung tatsächlich definiert — war mir klar: was da draußen los ist, wußten die Herrschaften kaum: »Meinen Sie wirklich, dass man eigene Gestaltungsregeln für's Internet braucht?«; »So richtig tolle Sachen kann man da aber nicht mit machen«; »Bauen normal ausgebildete Grafiker auch Webseiten?«; »Wie sind denn eigentlich die Preise heute so?« (O-Töne!). Und Forschung findet schon mal gar nicht statt. Das, was die Herrschaften von mir gehört haben, hätten sie schon Jahre vorher selbst herausfinden müssen. Wofür bitte ist ein Professor, der sich mit Gestaltung und Medien beschäftigt, sonst da? Hätte er nicht frühzeitig erkennen und sich damit auseinandersetzen müssen, was da irgendwann auf uns zukommt? (Ich finde übrigens, dass die Gestaltung der offiziellen Homepage des Fachbereichs in dieser Hinsicht Bände spricht.) Diese Lehrenden entziehen sich da der Verantwortung gegenüber ihren Studenten, die irgendwann qualifiziert damit arbeiten (und auch davon leben) müssen. Stattdessen wird z. B. semesterlang über Heimstätten für Schafe nachgedacht. Da sieht Zebra schwarz, gibt ein klares »ungenügend« und damit einen schwarzen Streifen.

Streifen: schwarz